Erfolg

Manche Menschen gehen wie Formelsammlungen durch die Welt, als ließe sich alles, worauf es ankommt, in Terme und Variablen fügen. Das Leben wird so selbst zu einer Ansammlung von Gleichungen, Aussagen und Lösungen, überprüfbar, kontrollierbar, disqualizifierbar das, was sich nicht logisch darstellen lässt. Dass die Zahlen und Zeichen, mit denen sie umgehen, ihre eigene Geschichte und Problematik haben, braucht die Formelmenschen nicht zu kümmern, tut es auch nicht. Das lässt sich gut verstehen – gerade, wenn man die Genugtuung beim Lösen arithmetischer Aufgaben kennt. Eine Zufriedenheit, die ganz aus dem Ergebnis kommt, für das es keine Zeugen braucht, keine Belohnung, der mathematischen Klarheit sei Dank.

Andere gehen als Texte durch die Welt, wollen erzählen und gehört werden, vor allem verstanden. Sie sind Wulste aus sich permanent erweiternden, umschreibenden und kürzenden Sätzen, ausfransend zu anderen Texten hin, bereit, dort weiterzuschreiben und sich weiterschreiben zu lassen. Ihre Finger sind Konjunktionen, die nach immer neuen Sätzen greifen, an sie anknüpfen, um zu sehen, welch neuer Sinn sich ergibt, welche Bedeutung sich offenbart.

Texte genügen sich nicht, sie sind mitteilsam, hängen an den Lippen ihrer Leser. Sie wollen nicht eindeutig sein wie die Formeln, die nur richtig und falsch kennen und sich anwenden lassen. Von menschlichen Gebrauchstexten, die es auch gibt, ist hier nicht die Rede. Hier geht es um die Romane, die Gedichte, die Essays und Fragmente. Manche mögen noch experimentelle Poesie sein oder Manifeste, Artikel, gut recherchiert und gespeist aus verlässlicher Quelle, andere schon Abhandlungen, zu Aphorismen zusammengeschrumpft die Satten, Genugverstandenen, ihr Werk Durchschauenden.

Bis zu ihnen aber ist der Weg weit – das Urteil über den eigenen Text ist schwer. Das wissen am besten die Autoren, die sich ganze Gliedmaßen aus Texten schaffen, Tintenfischtektakel, die nach den richtigen Anschlüssen im Geist ihrer Leser suchen, auf dass Sinn und Sinnlichkeit der Worte darin ihren Klang entfalten.

Texte geben sich nicht zufrieden damit, ihre eigene Lösung gefunden zu haben, sie wollen Ausdruck sein, der anderswo Eindruck macht. Sie sind anfällig für Bestechung, weil ihr Erfolg leichter nachweisbar ist als ihr Gelingen. – Aufrichtigkeit, Schönheit und Verständnis lassen sich nicht nachrechnen wie die Anzahl der Wohlgesonnenen und Unterhaltenen. Das ist auch der Grund, warum die Leser die Texte immer schon mitschreiben, als wollten sie ihren Autor heimlich in den Selbstmord treiben.

Der Geschmack als Götze, der Lohn für den Mut zum Beschreiten eigener Wege: unsicher. Es ist dies die Lage derer, die nicht mehr darauf vertrauen können, allezeit von Verständigen gelesen zu werden, den Musen, Göttern und Gott. Ihnen konnten Texte noch zum Geschenk gemacht werden – in das alles hineingelegt wird, was man weiß, kann, sagen möchte, jetzt, unter diesen Umständen, so wahrhaftig wie möglich.

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