Krieg im Frieden

In einer Welt, in der niemand mehr lügt, bringt die Wahrheit zurück, wer als erstes wieder damit anfängt.

Der Satz lag am Wegesrand auf der Suche nach einer Analogie für die angebliche Rückkehr des Krieges. – ‚Angeblich’, weil es keine eigentliche Rückkehr ist, sondern eine räumlich vermittelte Wiederbewusstmachung, die unbequemer ist als die freiwillige Selbstbeschäftigung mit den entlegeneren Kampfgegenden der Welt des sich informierenden Bürgers. Folglich auch die vielen Selbstbekundungen Betroffener der Kriegsberichterstattung. Von ‚Realitätsschock’ ist die Rede, abgewehrt durch die Formel von der ‚Realitätsferne des Aggressors’. In den Kommentaren zwischen moralischen Verurteilungen und dem auf Wirkung bedachten Fallenlassen markiger Worte wenig Klarheit, die den Vorgängen gerecht wird.

Zugegeben, es ist schwierig, etwas über den Krieg zu sagen, wenn man so wenig über ihn weiß wie die Kopflastigen von der Erde, auf der er geführt wird. Die in Zeiten aufgewachsen sind, denen es am Weißabgleich für die Farben des Friedens fehlt. In ihm haben sich Ansprüche und Ängste aufgebläht, riesig ohne abschätzbare Größe und von enormer Streuung im weiten Raum der Sprechakte und Selbstentwürfe. Ungeeichte Verhältnisse voller Geister, die sich so bereitwillig für gegenständlich halten lassen wie Diktatoren für unfehlbar.

Jedoch konnte den Mangel an Maß und Verbindlichkeit auch spüren, wer nicht schon in Sorge war um die eigene Wehrfähigkeit nach Jahrzehnten fehlender Kampferprobung. Man konnte die eingerichtete Wirklichkeit als halbe wahrnehmen, deren andere Hälfte erahnen, ohne dass diese gleich Krieg sein musste, aber doch von einer anderen Widerständigkeit und Zwangsläufigkeit der Welt. Wer realpazifistisch denkt, konnte – und kann – aber auch den Krieg selbst gewahren durch die Ritzen der Wärmedämmung des Wohlstands wie lange vor der allgemein spürbaren Erschütterung die Haustiere das Erdbeben. Wertefronten sind längst gebildet, für absolut erklärte Feinde stehen einander gegenüber, unter veränderten Umständen bereit zur Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

Wer von Frieden spricht, trägt ungesagt den Krieg im Mund. Wer das vergisst, droht beide zu verlieren.

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