Sein und Zeit

Seit Wochen versucht das Ringeltaubenpaar in der Einbuchtung eines schießschartenschmalen Badzimmerfensters ein Nest zu bauen. Seit Wochen ist täglich zu sehen, wie eine von ihnen, während die andere, mal nach vorne, mal nach hinten gewandt, zwischen den Maurvorsprüngen sitzt, Zweige bringt – allesamt zu lang, um sie quer in Höhle zu legen, zu lang auch, um sie längs auf dem Fensterbrett zu platzieren. Taubentumber Blick aus Kleinstwalaugen, wenn die Zweige zu den vielen anderen, 8, 9 Meter tiefer auf dem Asphalt landen, auf dem längst ein Storchennest entstanden wäre, brächte nicht alle zwei Tage, wenn sich die Zweige zu hunderten dort ausbreiten, jemand sie weg. Die Tauben nämlich holen sie nicht wieder hoch, um es noch einmal mit ihnen zu versuchen – was sie durchaus klug und vernünftig erscheinen ließe, holten sie nicht beständig andere von viel weiter her, anstatt endlich den Nichtnistplatz zu räumen. Denn auch wenn einmal einer der Zweige doch irgendwie unter und nicht auf der kauernden, schon hätte ich Henne gesagt, zu liegen kommt, so steht er ab, lose in den Wind hinaus, kaum den nächsten Taubenanflug sich haltend.

Wirken die Taubenkopfbewegungen, als würde Maß genommen, ausgelotet, berechnet, werden sie bei längerer Beobachtung hohl und mechanisch, das Gurren blöde, das Auf- und Abgeflatter unanständig. Der Instinkt mag nach Mustern im Gelände suchen und erkennen gelassen, die Automatismen abgerufen haben, zum Aufgeben scheint es nicht zu reichen.

Nach etwa einer Woche immerhin hatte die Taubenvergeblichkeit im Betrachter jene Befremdlichkeit erreicht, die die Bereitschaft weckt, Gleichnisse zu erkennen. Vielleicht soll einen die Taubenvergeblichkeit ja auf eine ganz andere Vergeblichkeit stoßen, die eigene nämlich, die man sich nicht eingestehen will, für die es subtilere Mittel braucht, um sie zur Einsicht zu bringen und endlich aus der Welt zu schaffen. Genausogut könnte es das Gegenteil sein – die Ermutigung zum Durchstehen, zum Versuchenundimmerwiederversuchen, zum großen Trotzdem, das ein volles Leben wird, eine Kunst, ein Werk, ein Fest. Es fragt sich dann allerdings, warum ausgerechnet der Existenzialismus Tauben schickt?

Wäre das Bild verstanden worden, die Tauben hätten längst abfliegen können, so aber geht die Provokation weiter. In einer Mischung aus Taubengeistlosigkeit und dem Vorwurf „Hast du’s noch immer nicht verstanden?“ glotzen einen die völlig vereinzelten Taubenaugen bereits vom eigenen Fensterbrett an, als flehten sie um Erlösung. Das Gleichnisrätsel aber wurde aufgegeben – der Ring um die Hälse ist jetzt Zeichen der Knechtschaft, sie müssen weiter, immer weiter, zum Ärgernis des Betrachters.

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