Das Gute und das Bessere

Die alte Heimatstadt ist zur Geisterstadt geworden. Nicht zu einem der verlassenen Orte, wie es sie in Brandenburg oder Colorado gibt. Vielmehr ist die alte Heimatstadt selbst zu einem Geist geworden – wie eine zweite Wirklichkeit liegt sie dem hier Aufgewachsenen, später Fortgezogenen vor der heutigen, der umgebauten und modernisierten.

So scheint der Garten des Gymnasiums mit seinem Teich und dem Pavillon und den Ginkgos am Weg, den wir Schüler, aus dem westlichen Teil der Stadt kommend, täglich zu den Stufen hoch in den Schulhof gingen, frühlingsklar durch den Anbau hindurch, für den er aufgerissen und niedergewalzt wurde – diesen grauglatten Betonbuckel am Landjugendstilgebäude, das zu unserer Zeit noch ausgereicht hatte. Sogar die Schüler von damals zeigen sich einem, wie sie, stehen geblieben im Alter, über die Straße gehen als Kinder neben Kindern, die jetzt, wer weiß, die ihrigen sind.

Ganz ähnlich bei den Feldern, die, wie ein breites Band zwischen der Stadt und den jäh aufragenden, von Nadelbäumen bewachsenen Berghängen gelegen, sich nach wie vor der Mehrfamilienhäuser mit ihren Flachdächern und den metallenen Balkonblenden erwehren, die jetzt auf ihnen stehen. Auch die abgerissene „Zigeinasiedlung“, in einer Senke neben dem Spielplatz, von dem her die Buben von früher zu hören sind im noch ungeschliffenen Dialekt, ist anwesend geblieben als der verbotene Ort, an dem Aussätzige oder Verbrecher wohnen mussten, weil niemand zu ihnen hindurfte, und von dem eines Tages eine der Nachbarskatzen ohne Schwanz zurückgekommen war.

Die Wohnungen der heutigen Mittelklassefamilien mit ihren Einbauküchen und Riesenbildschirmen hingegen verschwinden hinter dem Anblick der weggebaggerten Baracken der Davongekommenen aus dem Jugoslawienkrieg Anfang der 1990er – oder dem undenkbar gewordenen Sperrmüllberg, auf den wir als Kinder im Winter hinaufgeklettert sind, als wäre es ein einfacher Schneehaufen, von den orange blinkenden, damals noch „Schneeschaufler“ genannten Räumfahrzeugen frühmorgens aufgetürmt. Und als käme der Wind von damals noch einmal aus Westen geblasen, riecht es von der Gewürzfabrik herüber nach altem Mann, der, den jungen Zuzüglern lästig geworden, vor langem schon seine Sachen packte und weg nach Osten zog.

Die Geisterstadt erscheint dem Zurückgekommenen wahrer als die Wirklichkeit der austauschbaren Eingänge und Fensterblicke, der noch abgerundeteren Autos und der Einfamilienhäuser, der die Nullzinspolitik die Wintergärten und Dachterassen herausgetrieben hat wie überflüssige Gliedmaßen. Auch die platte Fußgängerzone in der Altstadt, wo bis vor nicht allzu langer Zeit der Boden unebenes Kopfsteinpflaster war, ist eine Lüge gebliebene Wahrheit, aus deren Hellglatt nun statt der gußeisernen Laternen angeschrägte Designerlampen ragen.

Derweil, ist zu hören, sind die Mieten und die Grundstückspreise nach oben geschossen. Was aber hat seither an Wert gewonnen?, frage ich und denke an alte Fotoaufnahmen, und nicht mehr nur an die schwarz-weißen.

Uninteressant dagegen die der Berge, deren Geist und Wirklichkeit heilsam vereint sind.

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