Der falsche König

Der Sohn saß mit gesenktem Kopf auf dem Friseurstuhl, in den Händen das Gerät, auf dem es Punkte zu sammeln galt oder Gegner zu zerstören oder Hindernissen auszuweichen. Ihm wurden die Haare geschnitten von einer Friseurin ganz in Schwarz, über deren Können aus dem Hintergrund, mit über die Stirn geschobener Sonnenbrille, die Mutter wachte. Bei Fragen zu Länge und Stufung, durchaus an den Sohn gerichtet, der aber schon wusste, was geschehen würde, kam sie die drei oder vier Schritte zum Stuhl, um für das unverändert auf das Gerät blickende Kind zu antworten. Die drei oder vier Schritte machte sie wieder, etwas widerwillig, schien es, zurück, und ihr Blick war wachsam wie zuvor. Es war sichtlich nicht der Einfall des Sohnes gewesen, zum Friseur zu gehen, umso stärker die Anteilnahme der Mutter – als ginge es um ihren Kopf, und nicht um den seinen.

Der Sohn wollte von Mama nichts wissen, war er ihrer doch mehr als gewiss. Sah man nur auf den Jungen, wirkte diese Gewissheit wie Überheblichkeit, das Schweigen im Friseurstuhl wie das des Thronenden gegenüber der als selbstverständlich hingenommenen Pflichtausübung der Dienerschaft. Würde die Friseurin, denke ich, der Zeuge, ganz bildhaft, dem heiligen Kind ins Ohr schneiden, dass das Blut nur so spritzt, es wäre das folgerichtige Ende einer Szene, die nach Entladung verlangt, in Gezeter, Abdampfen und hysterischem Lachen der Zurückgebliebenen.

 

Warum geben die Mutter und ihr 14jähriger Sohnemann solch ein schlechtes Bild ab, frage ich mich, nun Thronfolger und bemüht, woanders hin zu schauen als auf den viel zu nahen Spiegel vor mir. – Weil er längst weg will, aber noch nicht kann. Weil sie das weiß, aber insgeheim hofft, es sei nicht so. Weil man ihr stattdessen einen echten Mann an die Seite stellen möchte – und ihm, statt ihrer, genauso.

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