Geschafft haben, geschafft sein

Beim Vormittagsspaziergang durch die gesäuberten Viertel in Prenzlauer Berg überall Zeugnisse davon, dass hier lebt, wer sich selbst gehorcht. Wer sich nämlich nicht selbst gehorcht, muss anderen gehorchen – sagte auf Bibeldeutsch schon Nietzsche und sprach vom Willen zur Macht. Leistung muss sich lohnen, sagen die bürgerlichen Parteien – dass sie die Selbstdisziplinierung mitmeinen, bleibt unausgesprochen. Wer nach oben strebt, bezahlt, dafür möchte er etwas zurückbekommen. Zu befürchten ist, dass das, was man bekommt, die Vorleistung nicht aufwiegt. Zur Sicherheit legt man die gute Gesinnung noch obendrauf, wofür einem das schlechte Gewissen sogleich Rechnungen stellt. Da sind Anpassungen im Stil unverfänglicher. Er soll anzeigen, dass man dazugehört, es geschafft hat oder über die rechten Mittel verfügt, um es zu schaffen. Gleichzeitig soll er vergewissern, dass man nicht mehr dorthin gehört, wo man hergekommen ist. Die halb verputzte Wand in der Agentur mit ihren weißen Bürotischen und den weißen Computern zeigt das deutlich, denn sie zeigt mehr, als sie sollte: Als vermeintliches Gegenbild zur biederen Sauber- und Ordentlichkeit deutscher Vorstädte bleibt ihr das Biedere erhalten. Stil ist hier Abstoßungsstil, im Glauben, davon fortzukommen, hält man den Kontakt zum Gegenpol. Nötig wäre ein Sich-von-sich-selbst-Abstoßen. Dafür aber gibt es, meine ich, für einen jeden vorgesehene Momente im Leben, weit außerhalb des bürgerlichen Wirkungsfeldes. Wer sie verpasst, den befällt Selbstekel. Um sich von ihm abzulenken, gibt es raffinierte Strategien, die aufzudecken man früher eigens Filme drehte. Das war in Frankreich, wo die Fallhöhe eine größere ist als hier.

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