Wer nicht will, bekommt trotzdem

Auf dem Platz gegenüber in der Bahn sitzen ein Mädchen und eine erwachsene Frau, auf der anderen Seite des Ganges ein älterer Mann, es handelt sich wohl um Mutter und Großvater des Kindes. Die beiden sind stark übergewichtig und reden fortwährend übers Essen: Was sie wo gegessen haben und wie es geschmeckt hat und was es gekostet hat und ob es genug war. Die zierliche blonde Tochter, um die fünf Jahre alt, ist in Bonbon Farben gekleidet. Auf dem Kopf einer türkise Mütze, um Mund und Nase ist ein rosa Schal gewickelt. Sie schaut aus dem Fenster. Jetzt wird sie gefragt, ob sie heute überhaupt schon etwas gegessen habe. Das Kind dreht sich weg: „Keinen Hunger.“ Mutter: „Später jammerst Du wieder, aber dann gibt’s nichts. Das kennen wir doch schon. Guck, hier, iss mal!“ Sie holt Gelatineschlangen in Deutschlandfarben aus ihrer Tasche. Das Kind dreht sich noch stärker weg und zerrt den Schal am Kopf fester. Der Großvater: „Hör doch auf deine Mama, die meints doch gut.“ Mutter: „Die ist immer so.“  Sie tätschelt den Kopf der Tochter, ohne zu ihr zu sehen. Mutter: „Wer nicht will, der hat schon. Aber später gibt’s nichts mehr.“ Sie beginnt, die Gummischlagen zu essen. Mutter zum Großvater: „Das hat sie von dir, das Trotzige. Neulich hat sie erzählt, dass sie im Kindergarten war…“ Kind: „Jetzt hört doch mal auf.“ Mutter: „…da hat sie sich geweigert, sich richtig an den Tisch zu setzen…“ Kind: „Is ja schrecklich, wenn du sowas erzählst.“ Mutter: „Nein, ist es nicht!“ Sie tätschelt weiter den Kopf der Tochter, die sich jetzt die Ohren zuhält. Großvater: „Die ist jetzt sauer. Mit der ist jetzt nichts mehr anzufangen.“ Mutter: „Ja, Unterzucker. Kein Wunder.“ Das Türsignal ertönt. Mutter: „Komm, wir steigen jetzt aus.“ Sie packt das Kind am Arm und zieht es mit sich zur Tür. Der Großvater grinst mich, bevor er aufsteht, wissend an, als wollte er sagen: So ist es eben, mit diesen Kindern.

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