Sonntägliche Aufstiegsfantasien

Auf der harten Holzbank sitzend, vor mir die Brüstung der Empore drehe ich die ins Holz geschraubten Kleiderhaken heraus. Meine Geschwister spielen neben mir Daumendrücken in immer demselben Ablauf, zunächst leise und kaum merklich, dann mit zunehmendem Siegeswillen, bis mein Vater sie ermahnt und sie für ein paar Momente ablassen, ehe das Spiel von vorne beginnt. Ich treibe in jenen ebenso angenehmen wie doch unbefriedigenden Tagträumereien, denen ich mich auch auf der Rückbank unseres Autos aus dem Fenster blickend hingebe. Die Landschaft zieht vorbei und lässt mich Zeit als Strom erfahren, während auch meine Gedanken fließen. Die stetige Vorwärtsbewegung ist zugleich völliger Stillstand, die Fahrt zieht sich in die Ewigkeit und jede Nachfrage, wie lang es noch dauert, wird mit einem „wir sind gleich da“ beantwortet, ohne dass dieses „gleich“ jemals näher rückt. Ebenso sind all die Fantasien, in denen ich mir genau ausmale, was ich in dieser oder jener Situation sagen und tun würde, meistens ging es um Liebe, dazu bestimmt, niemals Wirklichkeit zu werden. Fahrten über Autobahnen und Landstraßen sind für diese zeitlos dumpfen und doch luziden Zustände gut, während der Stadtverkehr durch plötzliches Halten-Müssen an Ampeln ständig aufschreckt und reizbar macht.

In ähnlich weggetretener Stimmung sitze ich also wie jeden Sonntag in der Kirche, spüre die harte Bank unter mir und murmele mit. Erst Jahre später fällt mir auf, dass ich die Texte der Liturgie kaum kenne. Angesprochen fühle ich mich nur von „aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“, denn an die heilende Kraft der Sprache glaube ich auch und irgendwie daran glauben möchte ich auch, wenn mein Vater und ich uns nach der Kommunion die Hand schütteln und den Frieden wünschen. Ansonsten aber empfinde ich den sonntäglichen Kirchgang als das, was er ist, ein von meinem Vater ausgeübter Zwang, dem ich mich ohne größeren Widerstand füge.

Unsere Barockkirche ist mir ein visuelles Experimentierfeld: Ich beobachte die Lichtreflexe an den Wänden, die sich bewegen wie Pflanzen und stelle mir vor, dass Farne, Lianen, Blumen und Bäume im Kirchenschiff zu wachsen beginnen, bis alles dschungelhaft überwuchert ist und das Paradies in Form des Waldes wieder in die Kirche hereinbricht. Ich lasse die Scheiben zerschellen und Regen hereinströmen, bis sich kleine Bäche bilden, und ich sitze hier oben, geschützt wie in einem Baumhaus. Ich lasse durch Regen und Wolken rotes Sonnenlicht brechen und das fällt jetzt wirklich durch die von eisernen Verstrebungen durchzogenen Fenster.

Andere Male stelle ich mir vor, wie es wäre, sich auf die Brüstung der Empore zu stellen, abzuspringen und nach einer der an langen Seilen hängenden Lampen zu greifen, mich mit dieser zur nächsten zu schwingen und dann zur Seite zur Wand, die Finger in den pastellfarbenen Stuck zu krallen und mich von einem Ornament zum nächsten zu hangeln, bis vor in den Altarraum, zu den Statuen des Heiligen Martin, Petrus und Paulus, mich auf dessen aufgeschlagenes Buch zu stellen, mich hochzuziehen am Erzengel Michael vorbei, bis ich schließlich ganz oben bei dem von goldenen Strahlen umgegebenen Auge ankommen würde. Mit den Jahren habe ich bestimmt ein Dutzend Wege erdacht, auf denen der Aufstieg von meinem Platz auf der Empore zum göttlichen Auge möglich sein müsste.

Äußerlich tue ich nichts Schlimmes, nur manchmal. Vergesse ich beim Empfang der Kommunion das Amen und sage stattdessen Danke. Schwinge ich mich hin und her, aufgestützt auf zwei parallele Reihen Holzbänke. Werfe ich dem Pfarrer von oben herab 16-jährige Blicke zu, lege den Kopf schief und lächele. Über den Pfarrer heißt es, er habe etwas mit seiner Haushälterin. Auf die Entfernung ist nicht zu sagen, ob meine Blicke Erwiderung finden. Einmal behalte ich die Hostie nach Empfang in der hohlen Hand und übergebe sie, zurück auf unserem Platz, meinem noch sehr jungen Bruder. Vielleicht aus schlechtem Gewissen oder aber aus Übermut mache ich das so auffällig, dass mein Vater es mitbekommt. Jede Grenze beflügelt die Fantasie.

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