Die Sprache zur Zeit

Beim Verfassen des vorangegangenen Textes über den Fußball ein seltsames Gefühl der Befremdung. Bereits mit den ersten Sätzen drängten sich Begriffe einer vorgefertigten Sprache auf. Es dürfte sich früher schon nicht gelohnt haben, über den Fußball zu schreiben. Eine Flanke ist eine Flanke, sie wird geschlagen. Das noch einmal zu sagen wirkt abgegriffen, es anders zu sagen lässt einen ahnungslos erscheinen. Stehende Wendungen der Fernsehkommentatoren fallen mir ein: „Ein Spiel an sich reißen“, „die Lücke finden“, „gleiche Höhe“. „Aus der Tiefe des Raumes“ stammt angeblich von Karl Heinz Bohrer. Das war Günter Netzer zugedacht und vielleicht angemessen, weil es etwas sichtbar werden ließ, für das die Sprache der Anhänger keinen Begriff hatte – allerdings auch nicht brauchte. Vielleicht war es Netzer selbst, der mit seiner Spielweise den Ausdruck miterschuf. Immerhin verdeutlichte er etwas, das aus dem Spiel kam und nicht in es hineingelegt wurde.

Das Vokabular von heute entspricht der Entwicklung, die ich versucht habe, nachzuzeichnen. Es ist der Wirtschaft und den Sportwissenschaften entnommen, eingesickert in die vom Privatfernsehen aufgerissenen Sprachwunden. Aus ihnen fielen die Begriffe und Wendungen wieder heraus in meine Sätze, gleichzeitig hat das Abrisshafte des Themas zu einem Rhythmus wie im Journalismus gedrängt. Mehrmaliges Korrigieren machten nur deutlicher, dass da eine andere Sprache ist, in die ich hineingerate wie über eine falsch gestellte Weiche. – Schon „dynamisch“ und „Position“ hätte ich ersetzen mögen, aber das heißt so. „Sich Fernsehrechte sichern“ hätte ich mit einem „wie man sagt“ markieren wollen, „einen ersten Höhepunkt erreichen“ und „vorangetrieben von“ streichen. „In Zeiten der Monopolisierung“. „Marktwert steigern“. „Leistungsoptimierung“. Modrige Pilze, nur dass es nicht die alten abstrakten Begriffe sind, sondern die neuen, die einem das Schreiben über Gesellschaftliches verleiden.

Künftig, denke ich mir, werde ich mich wieder an Konkreteres halten, an das Bild oder die Stimmung, an einzelne Wörter und Gesten, an Gedanken, die man nur beim Warten auf die Straßenbahn hat, damit am Ende nicht wieder „Eleganz“ und „Effektivität“ im selben Satz stehen müssen.

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