Neujahrsspaziergang in der Heimat

Gehe am grauen ersten Tag des Jahres meinen alten Schulweg entlang. Zu meiner Linken die Wiese mit dem Holzbalken, auf dem wir im Sommer balancieren übten. Warte bis die Eltern mit ihrem Kind außer Sicht sind und steige hinauf, wenige Zentimeter über dem Boden, es geht mühelos, als Kind ging ich zunächst auf die Mutter gestützt. Daneben die Schaukeln, da redeten wir übers Überschlagen, das kam uns damals nicht abwegig vor, wir überlegten uns die möglichen Richtungen und Bewegungsweisen in der Welt und testen sie auf überschaubarem Raum aus, übten eindrehen, abspringen und im richtigen Moment vor der Schaukel herrennen, wenn die andere gerade nachhinten schwang. Auf dem Balancier- Balken kamen wir uns entgegen und versuchten aneinander vorbeizukommen, ohne zu fallen.

Im Vorgarten der Mehrfamilienhäuser rechterhand küsst einer seine Freundin und wünscht mir einer ein frohes Neues Jahr, ich grüße und wünsche zurück. Hier im Vorort ist alles wohlgeordnet. Die Wege sind leergeräumt, die Raketen und Böllerüberreste der letzten Nacht in den Metalleimern verstaut, Holzstäbe ragen heraus. Manche sind so voll, dass auch unter ihnen noch etwas liegt, sorgsam platziert, wie Geschenke unterm Weihnachtsbaum.  Alle Neujahrspaziergänger grüßen mich. Toll, finde ich, wie hier alles passt, meine Schritte, das Wetter, die Kulissen, die Statisten. Es beginnen die knapp übermannshohen Hecken den Weg zu säumen. Kann mich nicht mehr erinnern in welche davon Julia damals Quentin schubste, bin mir sicher, sie erinnert sich noch daran, diese Geschichte erzählten wir uns wieder und wieder, sie erfüllte uns mit Stolz, auch mich, die ich nur zugesehen hatte. Dann kommt die Bank, auf die jemand mal, da waren wir in der 3. Klasse, Sex geschrieben hatte, mit weißer Farbe und Julia erklärte, ihr Vater hätte gesagt, 6 sei nicht nur eine Zahl, sondern auch noch etwas anderes, was beinahe zu einem Streit zwischen uns führte.

Die Mutter einer anderen Grundschulfreundin und ihr Mann kommen mir entgegen und grüßen mich mit Namen, habe sie das letzte Mal vor sechs Jahren gesehen und es freut mich jetzt, wiedererkennbar zu sein. Früher hat mich das Wiedererkannt-Werden geärgert, es kam mir wie eine Anmaßung der anderen vor, mich nach all der Zeit mit diesem alten Namen anzureden, mir also zu sagen, ich sei immer noch Objekt xy, und damit alle Veränderung auf einen Schlag zu Nichte zu machen. Jetzt aber weiß ich, die Namen sind Zaubersprüche, sie verwandeln das Unheimliche und Ungeordnete in Welt und Heimat, und das ist auch wunderbar. Als wir in die Pubertät kamen wurde uns erzählt, pubertierte diese Mutter, die jetzt vor mir steht, mit, kaufte sich die gleiche Kleidung wie ihre Tochter und hängte sich in ihrem Schlafzimmer einen großen Spiegel über dem Bett auf. Von ihr, glaube ich, erhielt ich auch in der Grundschule die erste Ernährungsweisheit: „Frühstücken wie ein Kaiser, Abendessen wie ein Bettler“, erklärte sie mir. Ihr Gesicht ist freundlich und offen. „Grüße an die Verena“ sage ich, und freue mich, dass auch ich den Namen weiß, die richtige Spielmarke ausspielen kann. „Die wohnt jetzt in Ebersberg“, sagt sie, und Ebersberg, denke ich zufrieden, kenne ich ja auch. Es reiht sich säuberlich gefüllter Mülleimer an Mülleimer, in Berlin liegt sicher noch alles auf der Straße, weil Berlin zu groß ist, weil die Bewohner sich nicht verbunden fühlen, weil sie nicht lange genug bleiben… Es ist die Übersichtlichkeit, glaube ich. So etwas wie Berlin im Ganzen, das kann man sich kaum zur Heimat hexen.

Rechts jetzt Fußballplatz und Tartanbahn, grüne Wiese und rote Bahn, wenn man da fiel mit nackten Knien, das brannte wie Feuer. Und dann die Grundschule, zwei Gebäude, im Gelben die Erst- und ZweitKlässler, im Blauen, das schon mehr nach Ernsthaftigkeit und Büro aussieht, die 3. Und 4. Klässler. Erinnere mich an den ersten Schultag, als ich voller Stolz durch die Gänge schritt, und mir wünschte meine Eltern könnten mich sehen, könnten sehen, wie ich ohne sie in Richtung eines Lebens ohne sie ging. Der von ihnen prophezeite Ernst des Lebens kam wenig später auch noch, in Form der toten Fische im Aquarium vor dem Büro des Direktors. Die trieben da mit dem Bauch nach oben, bleicher als zuvor, und so blieb es einige Tage, und dann wurde das Aquarium abgeschafft. Das blaue Gebäude hat eine Feuerleiter. Da wollte ein Erwachsener mal in einer Schulpause herunterspringen, darüber schrieb ich in der ersten Gymnasialklasse einen Aufsatz und bekam eine schlechte Note, weil die Lehrerin die Geschichte unrealistisch fand, obwohl es im Gegensatz zu den Pferde- und Urlaubsgeschichten das erste Mal nicht ausgedacht war. Viele Jahre später lese ich, dass das Reale so etwas ist wie ein Riss, wie ein Abgrund, das Gegenteil von der Ordnung, die die Erwachsenen meinen, wenn sie den Kindern sagen, sie sollen doch realistisch sein.

Dann die Gemeindebibliothek, wenig später der Kreisverkehr, gehe nach rechts, schließlich wieder die Siebzigerjahresiedlung.

Dieser Ort ist einer unter den vielen unscheinbaren Vororten um München, er wurde zwar 800 nach Christus gegründet, davon aber sieht man nichts. Michael meinte beim ersten Anblick, es sehe nach billigen Ferienhäusern aus. Hanna Schygullas Eltern lebten hier und zeitweise ein Sohn von Gaddafi, in den überregionalen Zeitungen war der Ort einmal wegen des schwarzen Pfarrers, der Morddrohungen erhielt.

Die Durchschnittlichkeit und das Enge und das Nicht-Schöne störten mich früher, jetzt finde ich es einen Vorteil. Ich sehe hier, was keiner sieht, für mich sind die Straßen, die Wege, die Häuser und Spielplätze mit Geschichte und Sinn vollgestellt. Die Ecken und Plätze waren unsere Treffpunkte, die Wege Träger meiner verschiedenen Stimmungen, es war der Teer dieser Straßen, der mir die Knie aufriss, als ich vom Fahrrad fiel, es war die frostige heimische Winterluft, die das Schloss meines Fahrrads, das vor dem Bahnhof stand, vereisen ließ und das vereiste Schloss vor diesem Bahnhof war der Anlass für den Ersten, in den ich mich verliebte, mir seine Hilfe anzubieten.

Komme am Haus eines früheren Schulkameraden vorbei, und der steht wirklich hinter dem Fenster mit seiner Freundin, sie kochen, und ich frage mich ob die beiden allein in dem Haus wohnen. Seine Mutter war schon zu Grundschulzeiten gestorben, und es kommt mir ganz irreal vor, dass die beiden da jetzt in diesem Haus sind, das er schon sein Leben lang bewohnt, und kochen, und Erwachsene spielen. Er engagiert sich, wie ich weiß, im Gemeinderat und in dem gemeinnützigen Verein, der Technoparties organisiert. Gestaltet also das Gestaltbare, gibt Feiern für seine Freunde. Ich dagegen bin gegangen, in eine Stadt in der andere jeden Tag hunderte Parties organisieren, in der viele gestalten, aber die meisten, auch ich, nur in diesem Überangebot sitzen, das wir kaum nutzen. Das hat viele Vorteile. Vor allem erlaubt es, alleine zu sein.

Jetzt, auf diesem Spaziergang, fühle ich mich wohl und frage mich warum und wahrscheinlich liegt es daran, dass ich den richtigen Abstand habe. Wie mir überhaupt vorkommt, dass es auf diesen Abstand, zu sich selbst, zu anderen Menschen, Orten, Dingen und Tieren, ankommt. Wie fragil das Gleichgewicht ist, merke ich, als ich einmal die Entgegenkommenden nicht grüße und damit die distanzierte Verbindung zu den Bewohnern dieses Ortes unterbreche und ich weiß, dass darf nicht noch mal passieren, sonst ist die Stimmung dahin.

Betrachte einen der mit Silvesterüberresten gefüllten Mülleimer und bedauere keine Kamera bei mir zu haben, die Eimer erscheinen so festlich, als könnte man sich darum versammeln. Michael würden sie gefallen, denke ich, viel später fällt mir ein, dass er sich immer Mülleimerexplosionen vorstellt. Dass das Weggeworfene und Verworfene uns einmal entgegenfliegt, ist eine vernünftige Vorstellung.

Zwei Tage später am Abend in einer Bar meint eine Freundin, dass es doch schrecklich sei, dass Neue Jahr mit den Geräuschen des Krieges zu beginnen. Ich widerspreche ihr leise und bin damit beschäftigt, sie vor dem Hintergrund aus den in goldenes Licht getauchten  Sitzreihen nicht richtig scharf stellen zu können und alles nur dumpf zu hören, vielleicht wegen der Erkältung. Ich bin sicher, es gibt sie, die Festlichkeit der Explosion, die Erleichterung des Zusammenbruchs, man denke an die indigenen Völker, die bei großen Festen all ihren Besitz zerstörten und verschenkten, je verschwenderischer sie dabei sein konnte, desto mächtiger waren sie.

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