Ungefiltert

Erschöpft und aufgedreht von der durchtanzten Nacht, herrlich ungewaschen, liege ich im Morgenlicht auf der Matratze am Boden meines Zimmers im vierten Stock. Solchermaßen liegend schaue ich aus dem geöffneten Fenster. Das graue Haus von gegenüber, in dessen Fenstern man fortwährend das Fernsehprogramm der Bewohner verfolgen kann und dessen Balkon blickdicht mit Sonnenschirmen verstellt ist, unter denen sich gelegentlich ein Zigaretten abklopfender Arm hervorschiebt, sind aus meinem Sichtfeld verschwunden, und nichts als blauer Himmel zeigt sich, gelegentlich durchschwirrt von Vögeln und Flugzeugen. Von weit her höre ich Vogelgesang und Stimmen von der Straße, sie kündigen den Beginn eines Arbeitstages an, auch das erfreut und beruhigt mich. Eine leichter Wind geht durch den Raum. Ich fühle mich körperlich und seelisch allem enthoben. „Die große Erleichterung“ nenne ich das in Gedanken und denke erheitert, wie sehr das nach Verdauung klingt. Gestern Abend sind wir von unserem viertägigen Ausflug nach Israel zurückgekehrt.

Immer noch meine ich, den Strohhut auf meiner Stirn zu spüren, den ich mir in Jerusalem erhandelt habe gegen einen der dickbäuchigen, braungebrannten Verkäufer mit schwergängigem Atem: Oh. Germany! Nice country, nice country! For you it`s only 30 Euros! For Americans it would be 50! It´s a good price, gute Preise, eh! Eh!, und der mir jetzt so gut gefällt, das Schönste, was ich mir dieses Jahr gekauft habe. Die Sonne hat mich trotzdem verbrannt, leuchtende Schultern, brennende Füße, als würde man über Messer gehen.

Wir schliefen im Freien, auf dem Dach einer Jugendherberge, auf gleicher Höhe mit den feinen, glockenbesetzten Türmchen der Altstadt. Hier saßen glucksende Vögeln, die die Schnäbel weit offen trugen, als atmeten sie hindurch. Nachts pfiff der Wind, als verkündete er Schicksal, rüttelte an allem, und etwas klang dabei, als würden immerzu Würfel geworfen in einem gleichmäßigen Spiel. Regelmäßig ertönten durch Lautsprecher verstärkt die Gebetsaufrufe der Muezzine, die in der Nacht von Freitag auf Samstag, so schien es mir, gar nicht mehr endeten und einen anderen Gast auf dem Dach dazu veranlassten zu sagen, da könne doch nun wirklich niemand schlafen.

Tagsüber flogen gelegentlich Kampfjets tief über uns. Die verrückte Frau, die Tag und Nacht in der Küche der Herberge Veganes und Ungewürztes kochte und jeden, der ihre Essen ablehnte, zu hassen schien, sagte, es sei bloß eine Übung.

Einmal fuhren wir mit dem Bus durch die Außenbezirke. Arthur las uns die Schlagzeilen der Nachrichten auf seinem Handy vor und hielt es auch dem neben uns sitzenden Rabbiner vors Gesicht. Arthur sprach mit jedem, der ihm über den Weg lief, im immer gleichen Englisch mit der immer gleichen guten Laune. Dabei ging ihm, der sich für einen Kosmopoliten hielt, jeder Sinn für Unterschiede ab, und so bemerkte er auch nicht, wie wenig der Rabbiner mit ihm reden wollte. Die meisten anderen jungen Gäste unseres Hostels waren wie Arthur, unbekümmert und offen, wobei ihnen diese Offenheit nichts abverlangte, da sie sich bis in die kleinsten Vorlieben und Sprachgewohnheiten ähnelten. Alles, was fremd hätte sein können, bügelten sie glatt, indem sie es anquatschten oder fotografierten.

Die Ausnahme war ein junger Mann, der am späten Nachmittag ankam, eine ganze Weile im Empfangsbereich vor dem Computer saß, dann ohne erkennbares Ziel auf und ablief und sich schließlich abends schon sehr früh auf seine Matratze auf dem Dach legte, in Straßenkleidung und nachlässig zugedeckt. Mitten in der Nacht stand er auf, nahm seinen Rucksack, verschwand für zwei oder drei Stunden, kam zurück und legte sich wieder hin. In den ersten weißen Sonnenstrahlen des Morgenlichts, das auf unsere Seite des Daches schon gegen sechs fiel, entdeckte ich, dass seine Unterschenkel voller Schrammen und Kratzer waren und einige Münzen verteilt auf seinem Körper lagen. Im Verlauf der sich drehenden und wendenden Schlafpositionen, die er und sein Bett-Nachbar vollzogen, kam es dazu, dass beide, sich zugewandt und je den unteren Arm von sich gestreckt, ihre Hände sacht aufeinander legten, in einem Gesamtbild wie vorsichtig angedeuteter Achsensymmetrie. Die beiden Unbekannten, so schien es, hatten in den Tiefen des Schlafes eine Verbindung gefunden, die weit inniger war als die zur Schau gestellten Freundschaften der anderen Backpacker.

Ich sprach die meiste Zeit wenig, las ab und zu in dem Buch, das ich mir als Reiselektüre mitgenommen hatte und das meine Gedanken angenehm verrückte, beschwerte mich hin und wieder bei Maria über Arthur und war ansonsten zufrieden damit, das Geschehen um mich zu beobachten.

Ich war dankbar für die Entäußerung meines Geistes, wie sie manchmal an fremden Orten geschieht, wenn das Ich im Ungewohnten keine Vorstellungen mehr von sich hat. Die üblichen Filter versagten, und so gingen ungehindert Reihen fremder Bilder und Geräusche durch mich. Ich spazierte durch die engen Gassen Jerusalems über den hellen, von den vielen Schritten der Jahrhunderte glattpolierten Steinboden, und in mir spazierten die Eindrücke, ohne sich zu verbinden, und ohne erkennbare Spuren hinter sich. Abgesehen von all dem Außen fühlte ich mich ganz leer. Nur gelegentlich stieg aus den Tiefen, den gut eingebuchteten Poren das Ich-Sekret auf. Dann kam ein Unbehagen in mich, weil ich es ja schon weiß, nach jeder Häutung kommen sie wieder, die alten Verkrustungen, die alles Schöne und alle Möglichkeiten von der Welt abschaben.

Hier war also Schönheit: in der Landschaft aus braunen und grauen Flächen, in der Altstadt aus Tausend-und-einer Nacht, in der Hitze, die alle Bewegungen verlangsamte. Von Maria, die im schwarzen Kleid mit blauem Schal um den Kopf, Sonnenlicht in den Augen, vor der Grabeskirche sitzt, machte ich ein Foto.

Arthur sagte, er würde gerne Zeit mit uns verbringen, weil wir so unzugänglich wirkten. Eigentlich fand ich ihn ganz nett.  Einmal hörte ich, wie er Maria fragte, ob sie schon einmal verliebt war. Das sei doch ein schönes Gefühl. Dass Maria sich nicht in gleicher Weise für ihn interessierte wie er für sie, bemerkte er nicht, was mir für beide etwas leidtat.

Nach zwei Tagen verließen wir Jerusalem und fuhren in die Wüste. Arthur wollte trampen, das sei ganz einfach. Es dauerte drei Stunden, bis uns ein Mann mittleren Alters in seinem Van mitnahm. Das Auto war voller Tierhaare. Der Mann erzählte, dass er jeden Tag in die Wüste fahre, um die wilden Hunde dort zu füttern. Er habe längere Zeit in Deutschland gelebt und dort in der Armee gedient. In Deutschland habe er auch eine Freundin gehabt: „A blondie, like you“ – damit meinte er mich. Dann überfuhren wir versehentlich einen großen weißen Vogel und der Mann war außer sich. Arthur wollte ihn mit einem „Shit happens“ beruhigen, was die Verzweiflung des Mannes noch steigerte. Er fuhr immer schneller und der Motor machte beunruhigende Geräusche. Den Rest der Fahr schwiegen alle. Es gefiel mir, die vorbeiziehende Wüste zu sehen, zugleich bedrückte mich die Lebensfeindlichkeit der Landschaft. Immer wieder sahen wir Beduinen mit ihren Ziegen am Straßenrand. Es irritierte mich, wie wenig ich mir ihr Leben vorstellen konnte, wie es ist, täglich in dieser Hitze zu gehen, immer nur die Farben des Steins zu sehen, eingehüllt zu sein in diese Kleidungsschichten.

Unseren letzten Tag verbrachten wir in Tel Aviv am Strand, hinter uns Wolkenkratzer, vor uns goldener Sand und klares Wasser. Am Flughafen bestaunte ich noch einmal die monumentale Architektur, die Weitläufigkeit und Sauberkeit, die gedämpfte Geräuschkulisse. Dieser Flughafen wirkte erhaben auf mich. Er sah aus wie das menschlich strukturierte, aufgeräumte und gesicherte Ebenbild der Wüstenlandschaft. In der Schlange zur Gepäckkontrolle wurde ich von den Sicherheitsleuten herausgezogen, mein vorläufiger Reisepass kam ihnen verdächtig vor. Eine Stunde lang ließen sich mich abseits warten, neben mir ein junges Mädchen mit arabischem Nachnamen und eines, deren Reisepass einen Besuch in Marokko vermerkte. Dann winkten sie mich ohne weiteren Kommentar durch die Kontrolle. Auf dem Rückflug, als ich in meiner Übermüdung aus dem Fenster nach unten in die Nacht schaute, schien es mir, als würde ein Teil der Lichter von Straßen und Städten in der Luft schweben.

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