Verortungen

Wie vorgeschrieben befinden wir uns die meiste Zeit in unserer Wohnung. Genauer gesagt in deren Küche, in einem der zwei Schwingsessel, die an gegenüberliegenden Wänden in der Nähe des Fensters stehen. Über dem einen hängt ein Stillleben von Cézanne, über dem anderen ein Kalender von Gabriele Münter. Die Heizung ist auf fünf gedreht, die Therme summt und gluckert. Wolldecken und Bücher liegen herum. Ich tunke Haferkekse in schwarzen Tee, lese und schreibe. Es ist schön und langweilig. Es ist ein bisschen, wie wenn Kinder Campingurlaub in ihrer Wohnung machen.

Wir machen Spaziergänge im Umkreis von etwa fünft Kilometern. Manchmal gehe ich abends alleine die Winsstraße entlang, 15 Minuten geradeaus, dann scharf links in die Jablonskistraße, noch mal links die Prenzlauer Allee, ebenso gerade zurück. Geradeaus gehen treibt die Gedanken an.

Es ist eine kleine Welt mit Rändern und einer begrenzten Anzahl von Protagonisten (M, meine Arbeitskollegen, zwei bis drei Freunde, die Kommilitonen aus den Videokonferenzen) und einer überschaubaren Anzahl von Statisten (die Passanten auf der Straße, die Supermarktverkäufer). Diese Begrenztheit verleiht der Welt etwas von einem Traumszenario oder von einem Computerspiel, in dem nur bestimmte Bewegungsweisen, nur bestimmte Orte vorgesehen sind und es eine besonders stringente Logik gibt.

Ich würde die Zeit in der kleinen Welt gerne nutzen, sie bestmöglich kennenzulernen. Zum Beispiel anfangen, mir alle Begriffe, für alle Gegenstände, die mich umgeben, anzueignen. Ich erschrecke oft über das Missverhältnis meines abstrakten Wortschatzes (Hypostasierung, Aufhebung, Kapitalismus) zum konkreten: Etwa kann ich verschiedene Arten von Zäunen nicht benennen. Zu viele Begriffe ohne Gegenstände und zu viele Gegenstände ohne Begriffe. An die richtigen Begriffe knüpft sich die Hoffnung.

In die Logik der kleinen Welt schleichen sich immer wieder „Verrückungen“ ein: Wir spazieren abends um 7 in Dunkelheit und Kälte, eingepackt in unsere Wintermäntel, vom Kulturkaufhaus nachhause. Passend dazu, wie ich mir einen Dezemberabend in Berlin vorstelle, ziehen am Bahnhof Hackescher Markt Krähenschwärme über uns und lassen sich zu hunderten auf den entlaubten Bäumen nieder.

Doch kurz zuvor, einige Meter vor dem Bahnhof, waren ganz andere Vogellaute zu hören: Volltönend, lieblich, exotisch. Diese Geräusche kommen von anderswo: Aus einem anbrechenden Frühlings- oder Sommermorgen, den man erlebt, wenn man angenehm betäubt aus einer Kneipe ins erste Sonnenlicht stolpert. Doch hier ist nur das weiße Licht der Straßenlampen und der Schaufenster.

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