Die Bedingung der Schönheit

Die Eleganz der Schwäne ist eine kulturell vermittelte Sichtweise, die jeden Moment in etwas anderes umschlagen kann, wovon auch die Sprache zeugt, die den Schwan nur einen Buchstaben vom Vulgären trennt. Betrachtet man sie absichtlich mit dem bösen Blick der Analyse, muss man zu dem Schluss kommen, dass das Verhältnis des massigen Körpers zum langen, dünnen und gebogenen Hals unausgeglichen ist. Wenn Schwäne kopfüber abtauchen und der Rumpf in die Höhe ragt, ähneln sie Bojen. Man kann auch der Meinung sein, sie sähen aus wie „Hunde im Wasser“. Demjenigen wiederum, der in zwanghaft romantischer Stimmung ist, können auch weiße Plastiktüten wie sterbende Schwäne erscheinen.

Die Möglichkeit der optischen Täuschung ist eine Bedingung der Schönheit.

In seiner Erschöpfung und Nachdenklichkeit erinnerte der junge Mann mich an meinen Großvater. Er sitzt im Sessel, als hätte er sein Leben schon gelebt, umgeben von einem würzigen Geruch. Wenn er geht, bleibt sein Oberkörper starr, nur die Beine bewegen sich und tragen den Rumpf über sich her. Und die Schlafhaltung: Auf dem Rücken liegend, hingestreckt, nicht einmal den Kopf leicht abgewinkelt, auch das kenne ich nur von alten Menschen. Dann der Umschlag des Bildes ins Gegenteil: Er sitzt in einer roten Regenjacke, wie Schulkinder sie tragen, mit angewinkelten Beinen auf der Küchenbank. Wirres, weiches Haar umrahmt das Gesicht, er grinst unverschämt und ist sich seiner Wirkung bewusst. Die Eleganz, so heißt es bei Kleist, verschwindet mit der Bewusstheit, aber es gibt eine Form der Großkotzigkeit, die unschuldig, manipulativ und wirksam zugleich ist.

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